
Vor 81 Jahren ging mit dem Eintreffen der US-Armee in Idstein ein dunkles Kapitel zu Ende. Von Kriegsbeginn bis März 1945 fielen auf dem Kalmenhof über 700 Menschen – Kinder, Jugendliche und Erwachsene – der NS-Psychiatrie-Politik und den „Euthanasie“-Morden zum Opfer.
Anlässlich der Befreiung richtete der Gedenk- und Lernort Kalmenhof am 28. März zusammen mit der Vitos Teilhabe eine Gedenkveranstaltung im Saal des Verwaltungsgebäudes der Vitos Teilhabe aus.
Zum Auftakt der Veranstaltung begrüßte Alexander Kurz-Fehrlé, Betriebsstättenleiter der Vitos Behindertenhilfe, die Anwesenden. Mit Blick auf seinen Tätigkeitsbereich und die Arbeit der Vitos Teilhabe, hob er die Bedeutung der Erinnerung an die Verbrechen für das Tun in der Gegenwart hervor. Danach wandte sich Lisa Caspari mit einleitenden Worten an die Gäste. Sie treibt den Aufbau des Gedenk- und Lernortes Kalmenhof voran und organisierte die Veranstaltung in diesem Jahr zum zweiten Mal – mit dem Ziel, sie langfristig als jährliches Gedenken zu etablieren.
Hauptrednerin der Veranstaltung war Gertrude Henn, die eine sehr persönliche Verbindung zur Geschichte des Ortes hat. Im Rahmen ihrer Ahnenforschung stieß sie vor einigen Jahren auf drei Familienmitglieder, die während der Zeit des Nationalsozialismus den „Euthanasie“-Verbrechen auf dem Kalmenhof und in Hadamar zum Opfer fielen.
Ihre Verwandte Anna Maria Becker wurde 1941 im Rahmen der „Aktion T4“ in Hadamar ermordet. Anna Beckers Nichte, Margaretha Katharina Martin, starb 1944 während der dezentralen „Euthanasie“ in Hadamar. Ihr siebenjähriger Sohn Fritz war im gleichen Jahr auf dem Kalmenhof in Idstein getötet worden.
In ihrem Vortrag machte Gertrude Henn deutlich wie wichtig es ist, beim Gedenken an die Verbrechen die Menschen in den Mittelpunkt der Erinnerung zu stellen. Die Opfer dürften dabei nicht auf ihr Leid reduziert werden – es seien Menschen gewesen, mit eigenem Namen, eigenen Erfahrungen, Wünschen und Träumen. Mit der Aufarbeitung und dem Sprechen über ihre Familiengeschichte möchte Frau Henn das lange vorherrschende Schweigen durchbrechen und den Opfern Sichtbarkeit geben.




Zum Abschluss ihres Vortrags zeigte sie eine besondere Fotoaufnahme: Neben den Stolpersteinen, die für ihre Angehörigen in Mainz-Gonsenheim verlegt wurden, hatten Jugendliche bewegende Botschaften auf kleinen Täfelchen hinterlassen. Ein Zeichen des Gedenkens, das, so Henn, Hoffnung gebe.
In seinen abschließenden Worten dankte Prof. Dr. Jan Erik Schulte, Leiter der Gedenkstätte Hadamar, der Referentin für ihren eindrucksvollen und berührenden Beitrag. „Die Biografien führen uns direkt vor Augen wie eine Gesellschaft aussieht, die radikal ausgrenzt, die Menschen ihre Individualität abspricht und ihnen ihre Würde – und schließlich ihr Leben – nimmt“, so Schulte. Die Erinnerung an sie biete somit zwangsläufig auch Orientierung für unser heutiges und zukünftiges gesellschaftliches Zusammenleben und Handeln.
Für die einfühlsame musikalische Begleitung sorgten Zara Izmirli (Querflöte) und Erdem Yavuz (Gitarre) von der Musikschule Idstein, Musikfreunde Idstein e. V.
Wir danken allen Mitwirkenden sowie den zahlreichen Besucherinnen und Besuchern, die an der Gedenkveranstaltung teilgenommen haben und sich im Anschluss – trotz des Wetters – zur Friedhofslandschaft begaben, um der Opfer würdevoll zu gedenken.



